HANNAH SCHNEIDER
 
GEGENHALL

Ein Echo bzw. ein Widerhall bedeutet nichts anderes, als dass die Reflexion einer Schallwelle derart verzögert ist, dass sie als ein eigenständiges Hörereignis wahrgenommen wird. Auch in Hannah Schneiders Ausstellung GEGENHALL klingen zahlreiche Bezüge nach: Zu der sie umgebenden Architektur mitsamt der ungewöhnlichen Sheddachkonstruktion, zu anderen Werken innerhalb der Ausstellung sowie zu antiker Mythologie.

Doch stellt Hannah Schneiders Ausstellung GEGENHALL sehr viel mehr als eine Reflexion vergangener oder bestehender Phänomene dar. Zwar tun sich formalästhetische Assoziationen zum Minimalismus der 1960er und 1970er Jahre auf, etwa den Copper Ribbons von Carl Andre, wenn man die große Wandarbeit „Flugdach“ aus Aluminiumblech betrachtet, die sich wie eine dreidimensionale Zeichnung von der Wand erhebt. Die Bezüge in Hannah Schneiders Arbeiten sind jedoch subtiler, mystischer und persönlicher.

Hannah Schneider arbeitet raumbezogen und durch verschiedene Medien und Genres hindurch – von der Skulptur über die Performance bis hin zum Video. Ihre Arbeiten vereint das Maßnehmen, in Bezug setzen und Abgleichen des eigenen Körpers in Relation zur räumlichen und sozialhistorischen Umgebung. Und so ertastet, vermisst und erforscht Hannah Schneider auch die Räumlichkeiten der Ausstellungsetage im Stadtmuseum Siegburg. Weder ignoriert sie die Besonderheiten des Raumes, noch kämpft sie gegen sie an, sondern greift vielmehr die architektonischen Elemente geschickt auf.

Die an drei Unterzügen angebrachten, vorhangartig angeordneten Synthetikfäden strukturieren den Raum in vier Parzellen und geben einen Rhythmus vor, ohne eine zu massive Barriere zu bilden. Die abgerundeten, bugartigen Formen steuern auf die Raummitte zu. Die dort installierte Spiegelarbeit lenkt den Blick von den dominierenden Sheddachfenstern auf den Boden und wieder zurück. Die oktogonalen Formen dieser Skulptur und auch ihr Kantenschliff werfen Assoziationen auf – an opulente Schminktische aus vergangenen Zeiten oder antike Schranktüren. Das Polyptychon hat den Effekt eines Prismas, das den Blick – auf den Raum, die Dachfenster, die umgebenden Arbeiten und den Betrachter – einfängt und neu streut. Nicht zuletzt fangen die Spiegel auch die kleine, zurückhaltende Wandarbeit in der hinteren Ecke des Raums ein: Der Aluminiumguss eines Loopschals, der in seiner komprimierten Stofflichkeit in ausgleichendem Kontrast zu den luftig-leichten Arbeiten steht.

Die ausgestellten Arbeiten treten sowohl auf formaler als auch auf inhaltlicher Ebene zueinander in Bezug und in Kommunikation: So etwa findet sich das Bild des schützenden Daches­ in der filigranen, direkt auf Glas gedruckten Fotografie auf dem Boden „O.T. (Taube)“ sowie in den Aquarellen an der Wand wieder. Auch das Motiv des stofflichen Überwurfs lässt sich sowohl in der skulpturalen Umsetzung („Trophäe“), als auch in den Zeichnungen lesen. Vor allem das Element des Wassers und Fließens ist es, welches vom Museumseingang bis in die Ausstellungsetage reicht. Die sechsteilige, im Foyer gezeigte Videoarbeit „Green Scenes“ 2014 setzt sich mit der Bewegung von Wasser auseinander und zeigt rotierende Rasensprinkler im Schlosspark des Wiener Belvedere. Die Soundinstallation „Spring“ zeichnet akustisch den Bogen eines ausgespienen Wasserstrahls. Fast spielerisch übernimmt diese Klangskulptur die Funktion der unweit installierten verstummten gotischen Wasserspeier im Ausstellungsraum und bildet eine räumliche Überleitung zum zweiten Ausstellungsbereich. In den zwei großformatig projizierten Videoarbeiten ist die Künstlerin in dem für sie zentralen Ausmessungs- und Verortungsprozess zu beobachten. In „1/4 Erdrundliegen“ folgt sie dem Sonnenverlauf und dem wandernden Schatten eines aufgebockten Kanus. Sechs Stunden lang rückt sie dem stetig wandernden Schatten des Bootes stückweise hinterher und wandelt sich auf diese Weise zur bewegten Skulptur.

Im atmosphärisch dichten Video „Bäuchlings auf dem Rhein“ entwickelt die Künstlerin ihre eigenen mythologischen Bilder. Auf einem fahrenden Lastkahn nimmt Hannah Schneider Schritt- und Körpermaß und gleicht den großen Schiffskörper durch Ablaufen und „Abliegen“ mit dem eigenen ab. Auf dem Rücken trägt die Künstlerin eine Rochenhaut als Schild, der sie nach dem Akt des Vermessens und Markierens eine Folie entnimmt, mit der sie ein goldenes Segel aufspannt.

Wie Wasser mitsamt seinen Transformationsmöglichkeiten spielt auch die Mythologie eine zentrale Rolle in Hannah Schneiders Werk. Mythen und Sagen stellen der Künstlerin nicht nur das Bildvokabular zur Verfügung, sondern sind als Rückgriff auf die Menschheitsgeschichte für sie essentiell. Und so finden sich immer wieder direkte, aber auch abstrahierte Referenzen auf Herakles, das Löwenfell und das Goldene Vlies. Wie alle Elemente dieser komplexen und doch reduziert formulierten Ausstellung finden auch diese ihren Ausgangpunkt in den zarten, auf Glas transferierten Zeichnungen, die sich in gleichmäßiger und zurückhaltender Reihung präsentieren. Sie bilden gleichsam den Auftakt als auch den Abschluss des Rundgangs durch die Ausstellungsetage des Stadtmuseums und die vielfältig nachhallenden Interventionen von Hannah Schneider.

Anne Mager, freie Kuratorin, Köln