HANNAH SCHNEIDER
 

SUBTILE KONGRUENZEN

Mit ihrer Ausstellung im Stadtmuseum Siegburg ist Hannah Schneider eine vielseitige und doch in sich stimmige Gesamtschau gelungen mit Werken, die ebenso feinsinnige Bezüge untereinander entwickeln wie Bezüge zum Ort der Präsentation. In den Videoinstallationen, den Objekten oder den Zeichnungen, spannt sich ein feiner roter Faden durch die Ausstellung, der sie als Gesamtkunstwerk erscheinen lässt. Diesen Eindruck verdankt die Schau der Tatsache, dass Hannah Schneider die meisten Arbeiten eigens für diesen Anlass geschaffen hat.

Inspiriert durch die Wasserspeier, die einst an der St. Servatiuskirche in Siegburg ihren Dienst taten und nunmehr die Dauerausstellung des Hauses schmücken, hat Hannah Schneider – deren Thema die körperliche Erfahrbarkeit von Raum, bedingt durch Bewegung, Zeit und Vergänglichkeit, ist – eine akustische Installation („Spring“) geschaffen: Der Hall zirkulierenden Wassers, der nur mit den Ohren und mittels Imagination verfolgt werden kann, entführt den Betrachter in ein feuchtes Gewölbe, also einen Ort weit außerhalb der musealen Räumlichkeiten. Weit außerhalb liegt auch der Ort des Geschehens, das die Künstlerin auf einem Rheinschiff mittels Videokamera fixiert hat. Mit dem eigenen Körper das Schiff vermessend und so die überschaubare und doch in Bewegung befindliche Umgebung in Relation zur eigenen Existenz setzend, macht sich die Künstlerin darin ebenso zum Maß aller Dinge wie in dem Video „¼ Erdrundliegen“, in dem sie selbst in Echtzeit dem Verlauf des wandernden Schattens unter dem Kanu liegend folgt, den dieses auf das Fischgrätpflaster der Waterlooplain in Amsterdam wirft. In beiden Videoarbeiten benutzt sie ihren Körper als Messinstrument, mit dem sie die Veränderlichkeiten von Zeit und Raum unter den Bedingungen von Licht und Bewegung determiniert. Die gleichen Faktoren liegen der Spiegelarbeit zugrunde, die die Künstlerin inmitten des Ausstellungsraumes platziert hat, Kristallspiegelfragmente, die, zusammengesetzt, den Spiegelaufsatz eines altmodischen Frisiertisches bilden könnten. Hier, auf dem Boden unter dem Sheddach liegend, greifen sie die Facetten des Glasdaches auf, zerlegen den Raum in Bildsplitter, die sich (auch im übertragenen Sinne) je nach Standort des Betrachters verändern und völlig neue und unerwartete Einblicke in den Umraum freigeben. Darin spiegeln sich auch die übrigen Objekte der Ausstellung, sei es das auf ein Minimum reduzierte „Flugdach“, das mit seinen Falzen ebenfalls auf die Sheds anspielt, nüchtern und schlicht, das unter sich aber gleichfalls einen auratischen Raum schafft, der schützend und behütend wirkt; seien es die die Raumachsen betonenden Vorhänge, die wie transluzide Raumteiler Nischen schaffen, ohne zu trennen, und die zugleich das zarte Fadengespinst nachbilden, das in der Videoarbeit „Green Scenes“ in verschiedenen Perspektiven die Wassersprinkler – moderne „Wasserspeier“ – im Schlosspark des Wiener Belvedere aufzeichnen; sei es die „Trophäe“, der in Blei gefasste Loop-Schal, der nicht nur begrifflich auf die Video-Loops anspielt, sondern auch das textile Moment der Vorhänge, das metallene des gewölbten Flugdaches und das bekleidende Fell im Rhein-Video und in den Zeichnungen aufgreift. Die in dezenten Farben gehaltenen Aquarell-Zeichnungen, rückwärtig auf Glas gedruckt, so dass der Betrachter das positive Bild wie vor der Wand schwebend erlebt, geben ein Echo – einen Gegenhall – auf die Objekte und Installationen und fügen alle Elemente der Ausstellung zusammen. Darin finden sich Zelte, in deren Facetten die Spiegelarbeit am Boden und das Dach nachhallen, oder von fellähnlichen Gewändern umhüllte Figuren, deren Überwürfe behütend wirken wie das Dach oder aber auch mystisch wie das Rochenfell in der Videoarbeit vom Rhein „Bäuchlings auf dem Rhein“.

Wo auch immer man mit seinem Blick auf die Arbeiten von Hannah Schneider ansetzt – die den jeweiligen Werken immanenten Aspekte leiten auf subtile Weise zu den nächsten Werken weiter und führen den Betrachter eher unaufdringlich und unspektakulär immer wieder auf die Grundthemen der Künstlerin zurück. Das Wasser als Fluidum ist dabei ein wesentlicher Bedeutungsträger, in dem Zeit, Rhythmus und Bewegung, Vergänglichkeit und Beständigkeit gleichermaßen offenbar werden. In den Videoarbeiten tritt es ebenso zutage wie in der akustischen Installation, in den Vorhängen aus weißen Fäden ebenso wie in der Aquarelltechnik oder den Spiegelungen der Sheddächer bei Regen.


Dr. Gundula Caspary, Museumsleiterin Stadtmuseum Siegburg